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Montag, 13. Februar 2012
Wer hat die Kokosnuss geklaut?

Sieht aus, als könnte dieses Buch kein Wässerchen trüben. Oder etwa doch?

Ein neuer Christian Kracht steht vor der Tür. Wie erwartet hat „Imperium“ die Feuilletonseiten der großen Zeitungen gefüllt. Aber dann ging irgendetwas schief. Abriss einer Posse.

Wenn sich Verleger Helge Malchow mit seiner Mitarbeiterschaft mittels einer Presseerklärung gegen einen SPIEGEL-Artikel wehrt, muss schon einiges im Argen liegen. Aber von vorne: Dass Christian Kracht durchaus ein streitbarer Autor ist, weiß man ja spätestens seit dem Bildband „Die totale Erinnerung“ über Kim Jong Ils Nordkorea. Oder der Sottise, die Taliban seien ja sehr „camp“. Die Stimmen zu dem als „Südseeballade“ angekündigten Neuling waren indes bislang eher wohlwollend: von „nickender Genugtuung für Oberseminaristen“ schreibt die ZEIT, die taz ruft „die fabelhafte Welt des Christian Kracht“ aus – mit dem allerdings etwas schnoddrigen Fazit: „Schade, da war mal mehr drin.“ Die Kokosnuss, in „Imperium“ seligmachendes Glücksrezept des exzentrischen Kolonisten August Engelhardt, wird für Elfriede Jelinek in einem herrlichen blurb gar zum Sinnbild für das ganze Buch: „Einen Satz über Christian Krachts Roman Imperium zu sagen, ist, als wollte man Goethes ‚Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten’ in einen Orangenkern eingravieren. Vielleicht in eine Kokosnuß?“

Warum aber der SPIEGEL sich nun so harsch auf den neuen Kracht einschießt und auf vier Seiten unter Zuhilfenahme eines entlegenen Briefwechsels mit David Woodard den Versuch unternimmt, „rechtes Gedankengut“ zu belegen, ist auf den ersten Blick rätselhaft und hat dann auch den Verlag veranlasst, noch einmal auf seine „Tradition antifaschistischen und demokratischen Denkens und Publizierens“ zu pochen. Zu allem Überfluss schickte die WELT eine aufgeregte Solidaritätsbekundung mit den Worten „Kritiker schreit Nazi-Mordio“ hinterher.

Viel Trubel um ein Buch, das noch nicht einmal erschienen ist: Denn was nun wirklich in „Imperium“ geschrieben steht, davon kann man sich erst ab Donnerstag selbst überzeugen. Dann liegt das Buch in den Läden.

 
Sonntag, 25. Dezember 2011
Das magische Fernrohr: Noch mehr Musik für 2012

Die Segel sind gesetzt: Auf zum zweiten Teil der Jahresvorschau!

Mit voller Fahrt nähern wir uns 2012. Im zweiten Teil der Daily Frown Jahresvorschau gibt es wieder vier heiße Tipps, die man auf dem Zettel haben sollte – Hörproben inklusive.

Craig Finn kennt man nicht so unbedingt. Seine Band The Hold Steady schon eher. Als Solokünstler tritt der bekennende Bruce Springsteen Exeget in die Fußstapen großer Klampfen-Künstler – spontan fällt einem bei „Honolulu Blues“ noch Steven Earle als Säulenheiliger ein. Album im Januar.



Sollte 2012 etwa das Jahr der Solo-Debüts sein? Sitzt doch gleich im nächsten Startloch wieder ein bekanntes Gesicht: John K. Samson, besser bekannt als Kopf der Weakerthans, liefert die persönliche Geschichte seiner Magisterarbeit ab: „She said she’d come back home when I write my master’s thesis“. Just hilarious! Das dazugehörige Album Provincial kommt ebenfalls im Januar.



Wo wir schon bei Alternative Rock Legenden sind: Nada Surf lassen wieder etwas von sich hören – dieses Mal kein Soloalbum oder anderer Firlefanz, einfach ein neuer Longplayer, der wieder richtig schön schmerzensreich und hymnisch werden könnte, wenn man sich den Vorboten „When I Was Young“ so anhört.



Eine große Konstante der letzten Jahren war und ist Kurt Wagner. Trucker-Mütze, Hornbrille, Zigarette im Mundwinkel? Lambchop sind in der Stadt. Auch nächstes Jahr wieder. Mr. M hat schon jetzt Chancen auf das schönste Artwork des Jahres; „I’ll Just Die“ die schönsten Worte, um diese Jahresvorschau zu beenden: „Don't know what the fuck they talk about...“




 
Sonntag, 18. Dezember 2011
Das magische Fernrohr: Musik für 2012

Viermal haben wir in die Sterne geschaut und Musik für das neue Jahr entdeckt.

Zur Weihnachtszeit werfen die Plattenfirmen ja gerne noch spektakuläre Veröffentlichungen in letzter Minute auf den Markt und Journalisten machen ihre Bestenlisten.

The Daily Frown nicht! Wir sagen schon jetzt ade, altes Jahr, und schauen mit unserem magischen Fernrohr viermal hinüber nach 2012. Da erwartet uns ein neues Album der britischen Band The Maccabees, die mit dem Video zu „Pelican“ schon jetzt schön für Kopfschmerzen sorgen.



Wunderbares Wolkengeschiebe gibt es dagegen bei Young Magic zu betrachten, die Musik dazu hat passenderweise den Titel „Sparkly“. Ein Album ist für Februar angekündigt.



Weitere artists to watch für 2012 sind laut übereinstimmender Redaktionsmeinung Memoryhouse aus Ontario, die in Kürze ihr Album „The Slideshow Effect“ herausbringen werden. Eine verträumte Hörprobe gibt es hier, mit der schönen Zeile „Go to sleep, nothing’s changing, I’ll be here by your side.“


Und wer dieses Jahr von Feists „Metals“ nicht die Finger lassen konnte, wird sich sicherlich auch mit Laura Gibson anfreunden. Den angenehm rumpeligen Song „La Grande“ vom gleichnamigen Longplayer gibt’s hier.


 
Sonntag, 4. Dezember 2011
Trouble in the Message Centre

Gelungenes Debüt: Da kann der Autor stolz sein (Foto: Jonathan Winstone, mairisch.de)

Glorious England! Der mairisch Verlag aus Hamburg macht jetzt auch in britischer Gegenwartsliteratur. Gestatten: Lee Rourke mit seinem Debütroman „Der Kanal“.

Man muss nicht unbedingt das Album „Parklife“ von Blur auflegen, wenn man dieses Buch liest. Man kann aber. Statt Britpop-Nostalgie kommt einem schon auf der ersten Seite ein Banksy-Stencil unter und man ist mittendrin im London von Jetzt. Hektik, Menschenmassen und traffic jam? Weit gefehlt. Zwischen den Staddteilen Islington und Hackney macht es sich der Erzähler erst mal auf einer Parkbank gemütlich, schaut den Enten zu und gefällt sich in seiner Kontemplation der Langeweile.
Es war gut, hier zu sitzen und dem Lauf der Dinge zuzusehen – nichts zu sagen, nichts zu tun und nichts zu denken. Es war wirklich gut.
Also doch ein bißchen „Parklife“? Jedenfalls: Bevor es gar zu meditativ wird, tritt noch jemand Zweites auf, nämlich eine junge Frau, die ebenfalls auf der Bank Platz nimmt und zaghaft zu plaudern beginnt. Beide stecken irgendwie in der Krise, das merkt man trotz des leichten Erzähltons schnell, und gerade dieser Erzählton macht das Buch sehr lesenswert. Denn diese traurige Geschichte der Begegnung von zwei wildfremden Menschen, die sich mir nichts, dir nichts ihr Leben erzählen, ist so gut und frisch erzählt, dass man nicht aufhören möchte zu lesen, ein bißchen melancholisch wird, und dann so schnell wie möglich in den nächsten Ryanair-Jet nach London steigen will, an den Kanal zwischen Islington und Hackney.

Lee Rourke: Der Kanal. Aus dem Englischen von Roberta Schneider. mairisch Verlag, 2011. 232 Seiten, 17,90 €.

 
Montag, 21. November 2011
Werner Herzogs Höhlenträume

Eine Herde Löwen aus der Chauvet-Höhle. Im Vordergrund, beleuchtend: der Regisseur.

Der Weihnachts-Blockbuster 2011 hat einen Namen: „Die Höhle der vergessenen Träume“, ein Dokumentarfilm, der mit seltener poetischer Intensität eine archäologische Goldgrube in Szene setzt.

Natürlich wird Werner Herzogs (Klaus Kinski: „Holt mir mein Gewehr! Ich knall ihn ab“, oder so ähnlich) neuer Film nicht mit den pünktlich zu Weihnachten anrückenden Kassenschlagern mithalten können – dennoch kommt er zur richtigen Zeit: Als moderner Stadtmensch kann man sich in der „Höhle der vergessenen Träume“ 90 Minuten lang in festlicher Vorweihnachtsstimmung von allem Klimbim der Gegenwart erholen und wird dabei auf höchstem technischen Niveau unterhalten.

Nicht weniger als 30.000 Jahre in die Vergangenheit geht es auf dreidimensionale Erkundungstour in das südfranzösische Höhlengebiet von Chauvet, wo der Zufall eine geologische Zeitkapsel aufschnappen ließ. In den schmalen Gängen, zwischen Tierknochen und bizarren Tropfsteinen, tat sich Archäologen eine einzigartige Entdeckung auf: Menschliche Malereien, die die Tierwelt der Steinzeit auf kahlen Fels bannten. Das ist so unbegreiflich und gleichzeitig unbegreiflich schön, dass selbst die sanfte Erzählerstimme von Werner Herzog ins Stocken gerät. Ebenso andächtig die Wissenschaftler, die über diese archäologische Goldgrube berichten. Denn dank einer nahezu vollständigen Konservierung kann die Kunst der Steinzeitmenschen so unmittelbar untersucht werden, „als wäre sie erst gestern angebracht worden“.

Wenn dann auch noch ein in Steinzeitkleidung gewandeter Forscher selbstvergessen auf einer rekonstruierten Flöte zu spielen beginnt, weiß man: Das ist ein Film, der ebenso dokumentarisch wie liebevoll die kulturelle Leistung einer längst vergangenen Zeit würdigt, und sich auch für ein wenig Kitsch nicht zu schade ist, um den Zuschauer für einen Moment die Welt um sich herum vergessen zu lassen. Und sich dabei übrigens die 3D-Kinotechnik in jeglicher Hinsicht optimal zunutze macht. Der Daily Frown Kinotipp für diesen Winter!

Die Höhle der vergessenen Träume, ASCOT ELITE Filmverleih, 90 Minuten, seit 3. November in den Kinos.

 
Samstag, 29. Oktober 2011
Das sanfte Lächeln des Wahnsinns

Jetzt neu eingetroffen: vierzig Jahre altes Lächeln aus den Archiven!

Brian Wilson, der Friedrich Hölderlin der Popmusik, bringt mit vierzig Jahren Verspätung das mythenumrankte Album SMILE heraus, das ihn und seine Band, die Beach Boys, buchstäblich in den Wahnsinn trieb.

Es muss ein Torso bleiben: die ehrlicherweise so genannten SMILE Sessions versammeln in ausufernder Sammelwut alles Material, das sich zwischen 1966 und 1967 in den Studios aufhäufte. Wer sich in der Musikpresse und auf einschlägigen Fanzirkeln im Internet einliest, erfährt von Marihuana-Zelten und tonnenweise LSD-Lieferungen, einem Klavier im Sandkasten und Session-Musikern mit Feuerwehrhelmen.

Um nur die grundlegenden Rahmeninformationen zu dem reichlich mit Legenden belegten „größten unveröffentlichten Pop-Album aller Zeiten“ zu liefern: Die Beach Boys hatten mit ihren Surf-Schlagern Mitte der sechziger Jahre den Höhepunkt ihrer Popularität erreicht. Wer bei der kalifornischen Band nur an Sonnenschein und Surfin’ U.S.A. denkt, tut ihr Unrecht – das Familienunternehmen hatte mit Brian Wilson einen kreativen Kopf, dem 1966 das Album Pet Sounds entsprang. Symphonischer Pop, komplexe Arrangements, vielschichtiger Harmoniegesang: Ein Meilenstein, den mit Surfer-Romantik allein noch das in Musik verewigte Bild unschuldiger Teenager-Seligkeit verbindet.

Da scheint es schwer, noch einen draufzusetzen, noch dazu, wenn kurze Zeit später eine gewisse Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band ins Horn stößt. Brian Wilson, großer Bewunderer der Beatles, machte sich zusammen mit Texter Van Dyke Parks an SMILE. Man ahnt es, die Geschichte geht nicht gut aus. Eine „teenage symphony to God“ mit Vaudeville- und Barockanklängen, einer Suite an die vier Elemente, schlichtweg die Neuerfindung einer genuin „amerikanischen Popmusik“: Das kostete nicht nur die Plattenfirma die Nerven, sondern auch Kreativ- und Wirrkopf Wilson den Verstand. Die traurige Geschichte des sanften, verkannten Genies, das im Drogen- und Alkoholrausch versank, muss anderswo erzählt werden. Sichtlich gezeichnet, aber immer noch da, kann dieser Friedrich Hölderlin des Pop nun selbst die aus den Originalbändern zusammengestellte letztgültige Fassung des natürlich größten Pop-Albums aller Zeiten präsentieren. Und das, was man da zu hören bekommt, ist tatsächlich in den schlimmsten Momenten Vorbote des Wahnsinns, der Wilson bald heimsuchte. In den schönsten Momenten aber dann doch eine Ahnung dessen, was man sich wohl unter der fixen Idee der „teenage symphony to God“ vorstellen muss:
Surf’s up
Aboard a tidal wave
Come about hard and join
The young and often spring you gave
I heard the word
Wonderful thing:
A children’s song.
The Beach Boys: The SMILE Sessions. Als CD, Doppel-CD, Box-Set und Doppel-Vinyl erhältlich. Capitol Records 2011.

 
Mittwoch, 21. September 2011
Auf einmal ist alles wieder da

Wie eine Flaschenpost, die auf ein ein imaginäres Ziel hinschwimmt: Märzwald.

Zwischen Sehnen und Verschwinden: Ulrike Almut Sandig und Marlen Pelny unternehmen eine musikalische Reise in den Märzwald und kartografieren das unerforschte Gebiet zwischen Traum und Wirklichkeit.

Märzwald, augenzwinkernd als Dichtung für Freunde der Popmusik betitelt, ist die gelungene Fortführung der künstlerischen Projekte dieser beiden Dichterinnen: Ulrike Almut Sandig trägt ihre Gedichte, zuletzt erschienen in dem Band Dickicht, ohnehin schon mit großem musikalischen Gespür vor, sei es durch bewusstes Heben und Senken der Stimme, Anklänge an ein Kinderlied oder gezielt eingesetztes Ein- und Ausatmen an signifikanten Stellen. Marlen Pelny wiederum veröffentlichte dieses Jahr ihr Soloalbum Fischen, in dem sie Melodie und Text in sensible Popsongs verwandelt.

Auf dem nun erschienenen Album gehen Ulrike Almut Sandig und Marlen Pelny ein im besten Sinne schillersches Vorhaben an: Mit ruhiger Stimme und sanftem Rhythmus vorgetragen, von einer akustischen Gitarre oder einem Loopsound unterlegt, entsteht in diesen Gedichten eine Ahnung von Schönheit, dem ästhetischen Zustand als Ruhepol zwischen allen Empfindungen nicht unähnlich. Klang und Form bilden an den gelungensten Stellen eine untrennbare Einheit, die wie eine Flaschenpost auf ein imaginäres Ziel hinschwimmt und gleichzeitig fest auf literarischem Grund verwurzelt ist: Sehnsucht nach Ferne („in dir die Nadel, die zittert und immer hinzeigt nach Norden“) und Trauer über Verlust („verloren ging mir ein Freund, dem ich weh getan hatte“), die in ganz einfacher Sprache formuliert werden, beschwören eine berückend ursprüngliche Melancholie herauf.

Melancholie in der Form von Wissen um die Unerreichbarkeit einer Sehnsucht oder einen unwiederbringbaren Verlust stellt sich bei fast allen dieser vertonten Gedichte ein. Aber dabei bleibt es nicht: Auch das etwas aus der Mode gekommene romantische Projekt, nämlich die Vereinigung einer in viele Einzelteile zersplitterten Welt, die sich selbst verloren gegangen scheint, wird durch diese Melancholie in Gang gesetzt: In den Gedichten ist, wenn wir sie hören, ja auf einmal alles da, auch das, was verschwunden ist. Das zeigt sich vielleicht am besten im Stück „so habe ich sagen gehört“, das ganz ohne musikalische Elemente auskommt:
hab sagen gehört, es gäb einen Ort
für alle verschwundenen Dinge, wie

die verschiedenen Sorten von Äpfeln
die Clowns und die Götter, darunter

auch jenen guten Gott von Manhattan
Karl-Marx-Stadt und Konstantinopel

Benares und Bombay und die Namen
von zu vielen Braunkohledörfern

befänden sich, so habe ich sagen gehört
in der Mitte des Weißtannenwalds

der jede Schallwelle schluckt. der Ort
wär, so habe ich sagen gehört
auf keiner gültigen Karte verzeichnet.
Dass diese Kunst sich ihrer selbst stets bewusst ist („aber immer diese traurigen, traurigen Gedichte“, spricht es einem an einer Stelle entgegen), macht sie nur noch überzeugender: Ulrike Almut Sandig entwirft gewissermaßen realistische Traumlandschaften, die sich echt anfühlen – und dadurch in der Lage sind, eine greifbare, emotionale Heimat zu bilden. Als Musikstücke rücken diese Gedichte aber noch ein Stück weiter in die flüchtige Gegenwärtigkeit des Pop (und damit ist der augenzwinkernde Untertitel gar nicht so abwegig). Der Märzwald ist nur da, solange der CD-Spieler läuft, und dann, ebenso wie so viele der Dinge, die in ihm passieren – verschwunden.

Ulrike Almut Sandig/Marlen Pelny: Märzwald. Dichtung für die Freunde der Popmusik. Audio-CD, Spielzeit 47 Minuten. Schöffling & Co. 2011, 14,95 €.

 
Freitag, 9. September 2011
Tausche Frohsinn gegen Schwermut


Die erste Band auf dem Mond kommt auf die Erde zurück: Mit Long Gone Before Daylight wurden die Cardigans erwachsen. Und mit ihnen ihre Fans. Eine Erinnerung.

Um die Veränderung auszudrücken, die dieses Album bedeutete, genügt es allein schon, Nina Perssons Haarfarbe zu beschreiben: Als blondes, blauäugiges Schweden-Klischee sang sie sich durch die ersten drei Alben. Dann griff sie zur Tönung und trat im neuen Musikvideo „For What It's Worth“ mit kohlrabenschwarzem Haar auf.

Nichts könnte den Wandel besser verdeutlichen, den die Cardigans mit Long Gone Before Daylight durchmachten. Hatten wir nicht alle das fröhlich-trällernde „Lovefool“ der first band on the moon in den Ohren und verbanden damit toll gemachten, aber letztlich doch nur seichten Radiopop?

Doch wir waren gewarnt worden: Schon auf dem Vorgänger Gran Turismo, namentlich der Single „My Favorite Game“ lernten wir eine andere, experimentierfreudige Seite unserer Lieblingsradioband kennen. Aber wer hätte jemals mit einem so dramatischen Bruch gerechnet, wie ihn Long Gone Before Daylight bedeutete? Jeder zweite Song eine Gitarrenwand, sogar Nikke Andersson von den wüsten Hellacopters war rekrutiert worden, dazwischen dramatische Balladen, die in ihrer Tiefe und Ernsthaftigkeit an Songwriter der Siebziger Jahre erinnerten. Und Texte, so traurig, dass man darin versinken wollte:
With a sampled heartbeat and a stolen soul
I sold my songs to have my fortune told
And it said
You should know that love will never die
But see how it kills you in the blink of an eye
Irgendetwas musste passiert sein, das ausgelassenen Frohsinn gegen eine unergründliche Schwermut ausgewechselt hatte. Wir waren erst überrascht, dann geschockt und begeistert. Und sind es bis heute.

 
Mittwoch, 17. August 2011
Kuhpfade und Kopfhörer-Soldaten


Ein Erinnerungskünstler wird ins Gedächtnis gerufen: Michael Krüger setzt Seamus Heaney in einer üppigen Anthologie ein Denkmal zu Lebzeiten.

Wer sich für eine deutsche Ausgabe der Gedichte von Seamus Heaney interessiert hat, war bisher auf Ausgaben angewiesen, deren neuester Stand bei 1998 liegt. Das hat sich jetzt geändert: Mit Die Amsel von Glanmore liegt seit diesem Monat eine schöne Auswahl quer durchs Gesamtwerk vor.

Zwischen Torf, Froschlaich und ausgetretenen Kuhpfaden wird einer zum Dichter: Da quakt und platscht es, so dass man sich am liebsten in den nächsten Flieger nach Irland setzen würde. Dass man aber gerade in der Zeit der blutigen IRA-Konflikte nicht nur beschauliches Landleben besingen konnte, zeigt spätestens der Teil Field Work:
One morning early I met armoured cars
In convoy, warbling along on powerful tyres,
and camouflaged with broken alder branches,
And headphoned soldiers standing up in turrets.

Einmal frühmorgens traf ich Schützenpanzer
Im Konvoi einherträllernd auf mächtigen Reifen,
Alle getarnt mit gebrochenen Erlenzweigen,
Und Kopfhörer-Soldaten, die aus Türmen ragten.
Zeit, Seamus Heaney zu entdecken: Mit diesem Band kann es losgehen!

Die Amsel von Glanmore. Gedichte 1965-2006. Zweisprachige Ausgabe, herausgegeben von Michael Krüger. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 2011. 428 Seiten, 16,99 €.

 
Sonntag, 7. August 2011
Schimmernder Dunst über Leif Randt

Die schimmernde Oberfläche des Romans: in echt noch silberner!

Blut im Wasser in Coby County: Leif „Fitzgerald“ Randt schaut mit seinem gefeierten neuen Roman über die Schulter in die Zukunft.

Dass Schimmernder Dunst über Coby County pünktlich zum Erscheinen von allen großen Zeitungen rezensiert wird, ist eine gute Nachricht für den Berlin Verlag, der sich größte Mühe gegeben hat, den lang erwarteten zweiten Roman von Leif Randt bis in die Herstellung hinein (s.o.) zu einem Ereignis zu machen. Auf einige doch gar zu augenfällige Parallelen haben aber weder FAZ („Dieses schmale, sehr kluge, hellwache Buch“), SPIEGEL („Wohlstands-Wellness-Welt“), noch die Berliner Morgenpost („ein hochbegabter Oberflächenbetaster“) hingewiesen.

Ist Wim Endersson, wohlstandsgepäppelter Jung-Literaturagent mit Selbstzweifeln, nicht ein ferner Gruß an F. Scott Fitzgeralds Nick Carraway, der das Treiben im East Egg als teilnehmender Beobachter mitmacht und ins Nachdenken gerät? Ist nicht gerade das phantastisch anmutende East Egg aus dem Great Gatsby eine wunderbare Vorlage für das sterile Coby County, in dem Wim Endersson und Wesley Alec Prince ein dekadent-gedämpftes Partyleben führen?
It was a matter of chance that I should have rented a house in one of the strangest communities in North America. Twenty miles from the city a pair of enormous eggs, identical in contour and seperated only by a courtesy bay, jut out into the most domesticated body of salt water in the Western hemisphere, the great wet barnyard of Long Island Sound.
Die kühle Sprache, junge amerikanische Intellektuelle, natürlich stinkreich, und nicht zuletzt elegante Aufmachung beider Bücher weist auch auf das gar nicht so lang zurückliegende Blut im Wasser von Alexander Schimmelbusch zurück, ebenfalls ein Text, der für seine Welthaltigkeit, stilistische Präzision und hochsensible Beobachtungsgabe gelobt wurde.
Die Kälte der Luft, die in mein Gesicht weht, tut mir gut; die Lebenszeichen meines Körpers stabilisieren sich. Für einen Augenblick halte ich inne, im tiefen Schnee auf der Plattform, die flach über der Wiese schwebt, und versuche, mir den Ablauf der vergangenen Nacht ins Gedächtnis zu rufen: ohne Ergebnis.
Zwei Empfehlungen zum Neu- und Wiederlesen also, denn einen Nachteil hat Schimmernder Dunst über Coby County dann doch: Man hat die knapp 200 Seiten an einem Tag durch.

 
Donnerstag, 28. Juli 2011
Das traurigste Album des Jahrzehnts

Songs wie ein sepiafarbener Schleier: Ausschnitt aus dem Albumcover

Bei manchen Alben dauert es eben etwas länger, bis sie sich in den Gehörgängen festgesetzt haben. „The Meadowlands“ von The Wrens ist ein solches Album.

Veröffentlicht bereits 2003, ist es erst jetzt der Redaktion von The Daily Frown in die Hände gefallen. Und ohne zu übertreiben könnte man es als Anwärter für das traurigste Album des Jahrzehnts ins Rennen schicken: Traurig nicht nur die Entstehungsgeschichte, war es (einen ähnlichen Schicksalsschlag erlebten ja Wilco mit dem nun epochalen „Yankee Hotel Foxtrot“) der Plattenfirma zu unkommerziell für eine Veröffentlichung und nach einigem Hin und Her dann doch mit mehrjähriger Verspätung in die Läden gekommen. Traurig in bester Hinsicht auch die Songs, die einer um den anderen wie der sepiafarbene Schleier des Albumcovers die Themen Verlassenheit, Erschöpfung und – natürlich – Liebeskummer umkreisen:
„And now you’re sorry/For the things you did to me/I want you to know/I feel I was the one who/got used and used to/just about anything you would tell me“
Da möchte man doch im tiefsten Brunnen versinken, das Leben aussperren und die Kopfhörer fester auf die Ohren drücken: Danke, liebe Wrens, für dieses Album! Besser spät als nie: Unser Tipp für die gepflegte Sommer-Depression.

The Wrens: The Meadowlands. 13 Tracks, 56:13 Min. Absolutely Kosher Records 2003, Eine Hörprobe gibt’s hier.

 
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 The Daily Frown - Literatur, Musik, Alltag wird herausgegeben von Fabian Thomas
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